Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der Diakonie
[PDF Dokument [130 KB]
]
- Gerhard Wegner
Wenn man auch nur einige wenige Jahre auf die Entwicklung der sozial- und wirtschaftspolitischen Landschaft in Deutschland zurückblickt, wird schnell das Ausmaß der Veränderungen und Umbrüche deutlich. Wir haben beträchtliche Paradigmenwechsel in der Sozial- und Wirtschaftspolitik erlebt und wir sind erst vor kurzem mit einer der größten Wirtschaftskrisen der letzten hundert Jahre konfrontiert worden. Das Tempo der Veränderungen nahm und nimmt erkennbar zu und je schneller das Rad sich dreht, desto mehr wird nach beständigen Orientierungen gefragt.
Die Trends sind das, was man aus ihnen macht
Von diesem Ausgangspunkt her soll hier nach übergreifenden Trends in der gesellschaftlichen Entwicklung gefragt werden – und zwar im Hinblick auf die Handlungsfähigkeit der Diakonie. Welche Trends lassen sich überhaupt feststellen, wie lassen sie sich auf die nächsten Jahre hin extrapolieren? Wie weit lässt sich auf diese Trends organisatorisch in einer sinnvollen Weise antworten und wieweit lassen sich entsprechend notwendige Veränderungen gestalten? Dabei haben Diakonie und Kirche offensichtlich längst nicht alles „im Griff“. Deswegen muss stets auch die Frage gestellt werden, was man offensichtlich hinnehmen muss, womit man sich dementsprechend abzufinden hat und was das wiederum insgesamt bedeutet. Entscheidend ist zu unterscheiden zwischen dem, was man gestalten kann und was nicht.
Wenn man sich mit entsprechenden Trends beschäftigt, ist von vornherein vor einem Missverständnis zu warnen. Gesellschaftliche Trends, und zwar gerade länger greifende Trends, sind in keiner Weise etwas Eindeutiges. Sie kommen immer als Chancen und Krisen zugleich daher. Nichts an ihnen ist von vornherein determiniert – vieles ist offen und oft genug verkehren sich die Verhältnisse bisweilen in überraschender Richtung. Allemal ist die Komplexität der gesellschaftlichen Entwicklung gewaltig – und deswegen lassen sich Ursachen und Folgen häufig nicht – bisweilen hat man den Eindruck: immer seltener – klar und deutlich zuordnen. Eindeutig werden gesellschaftliche Trends ohnehin erst dann, wenn sie im Handeln der Betroffenen wahrgenommen und umgesetzt werden. Dieses Handeln kann aus einem schlichten Hinnehmen und passiven Reagieren bestehen, aber es kann auch die Form von Widerständigkeit gegen gewisse Trends annehmen. Einfach hinnehmen muss man folglich zunächst einmal eigentlich gar nichts. Zudem stellt sich die Frage immer, ob das Glas in bestimmten Situationen halb voll oder halb leer ist: Stellen z.B. die Fallpauschalen in den Krankenhäusern nun eine bessere oder eine schlechtere Steuerung gegenüber der früheren Situation dar? Zunächst einmal steuern sie die Leistungserbringung „lediglich“ anders als früher. Aber ist das nun schlechter – oder besser? Die Frage ist gar nicht einfach zu beantworten.
Was aus gesellschaftlichen Trends wird, hängt folglich entscheidend mit dem eigenen Handeln und damit mit dem eigenen Selbstverständnis, der eigenen Identität zusammen - in unserem Zusammenhang mit unserem Selbstverständnis als Diakonie und insbesondere als diakonisches Unternehmen oder als diakonischer Verband. Insofern muss zu Beginn jeder Beschäftigung mit gesellschaftlichen Trends die Frage nach den eigenen Interessen in den Vordergrund gerückt werden. Sie sind wiederum durch grundlegende in Kirche und Diakonie geteilte Wertorientierungen bestimmt - ein christliches Ethos. Es lässt sich mit einer Reihe von breit geteilten Vorstellungen beschreiben, wie zum Beispiel der, dass jeder Mensch als von Gott geliebt, befähigt und beauftragt angesehen wird und dass deswegen in der gesellschaftlichen Entwicklung niemand verloren gehen soll. Dies kann geradezu als ein Kernsatz diakonischen Selbstverständnisses seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert gelten. Diakonie ist die Verantwortung der Kirche für alle Menschen, insbesondere aber für die Schwächeren in der Gesellschaft und begründet von daher ihr Engagement.
Das diakonische Ethos
Aus einem solchen Verständnis folgt, dass die gesellschaftlichen Strukturen diesen Zielen entsprechen sollen und aus Kirche und Diakonie Einspruch erhoben wird, wenn eine entsprechende gesellschaftliche Ordnungen und Strukturen dem nicht mehr entsprechen. Mit diesem Bild einher geht auch die Vorstellung eines selbstverantwortlichen und insbesondere vor Gott für sich und die anderen verantwortlichen einzelnen Menschen, der fähig sein soll, sich selbst helfen und für sich selbst sorgen zu können und mit seiner und ihrer Kraft und Stärke immer auch in solidarische und kooperative Zusammenhänge mit anderen eingebunden ist. Das Bild eines Sozialstaates, der diese Solidarität stärkt, ergibt sich daraus, aber auch die Vorstellung von einem Wirtschaftsleben, das nicht aus einem darwinistischen Kampf aller gegen alle, sondern im Kern aus kooperativen Bezügen besteht. D. h. eine Vorstellung von einer „Wirtschaft mit allen“ - zu der alle Menschen Zugang haben sollen, weil die Teilhabe an Arbeit für ein christliches Menschenbild prägend ist. Lange ist ja insbesondere gerade von der Diakonie dafür gekämpft werde, dass auch Menschen mit Behinderung an der Wirtschaft teilhaben können sollen. Und dieses Ziel ist in Deutschland sogar gesetzgeberisch verankert. In diesem Sinne „gerechte Teilhabe“ an Wirtschaft und Gesellschaft steht im Mittelpunkt evangelischer Sozialethik.
Zu diesen leitenden sozialethischen Wertinteressen gehört auch dazu, dass Menschen, die über Macht oder Reichtum in der Gesellschaft verfügen, es als treuhänderisches Kapital einsetzen mögen, das allen zugute kommen soll und insbesondere der Bekämpfung von Armut als gesellschaftlicher Vernachlässigung dienen muss. Keinesfalls kann sich also Kirche und Diakonie mit einem weiteren Auseinanderdriften zwischen Armen und Reichen in der Gesellschaft abfinden. Nicht nur vor Gott sind alle Menschen gleich und auch nicht nur vor dem Gesetz. Die fundamentale Gleichwertigkeit aller soll sich auch im gesellschaftlichen Leben darin realisieren, dass die natürlich auch notwendige Ungleichheit vor allen Dingen im Wirtschaftsgeschehen nicht so weit auseinanderläuft, dass es am „unteren Ende“ der Gesellschaft zu extremen Formen von Ausgrenzung und Verwahrlosung kommt. Ungleichheit ist nur soweit tolerierbar, als die durch sie bewirkten Leistungsanreize allen – und besonders den Schwachen – zugutekommen.
Von diesen grundlegenden Wert- und Zielorientierungen her ergeben sich Selbstverständnis und wesentliche Handlungsmaximen von Kirche und Diakonie. Es ergibt sich daraus aber auch eine „Haltung“, die ich als mit vom Glauben her begründetes Selbstbewusstsein beschreiben möchte. Platt gesagt: In allen Schwierigkeiten muss es darum gehen, dass Kirche und Diakonie den Kopf oben behalten, sich von den Schwierigkeiten nicht kleinkriegen lassen und nicht in Depression verfallen. Sonst können wir diese uns aufgetragenen Ziele überhaupt nicht mehr vermitteln. Das ist das leitende Interesse: Wir wollen, dass Diakonie und Kirche weiter ein wichtiger Player in der sozialpolitischen Landschaft in Deutschland, aber auch in der Zivilgesellschaft sind und ihre Stärke dort ausspielen können. Wir wollen dies nicht um der Stärke als solcher willen, sondern weil wir wissen, dass Menschen in diesem Land Diakonie und Kirche brauchen, um ein menschenwürdiges Gemeinwesen zu gestalten.
Will man die Leitthese der folgenden Überlegungen zusammenfassen, so kann man von dieser Perspektive her formulieren: Die Diakonie muss sich in Zukunft weiter in Richtung aktiven unternehmerischen Handelns und einer unternehmerischen Aufstellung entwickeln – sie muss dabei aber parteilich auf Seite der Schwächeren der Gesellschaft bleiben. Viele werden dies Aufgabenstellung als die Quadratur des Kreises bezeichnen, denn offensichtlich fällt es einem dezidiert unternehmerischen Handeln, das sich an Effizienzkriterien, an Wettbewerb und deswegen mehr oder minder deutlich an Kriterien des Geldes ausrichten muss, schwer, dezidierte Parteilichkeit in seine Handlungsmaximen einzubauen – es sei denn, sie rechnet sich.. Aber ganz grundsätzlich bleibt es dabei, dass eben diese Spannung genau das diakonische Profil ausmacht. Wir dürfen dieser Spannung nicht zur einen oder anderen Seite hin zu entweichen versuchen und uns keinesfalls darauf einlassen, dass es auf der einen Seite die unternehmerische Diakonie gibt, die ihr Eigenleben führt und auf der anderen Seite die Aufgaben der Parteilichkeit an die Kirche oder an die diakonischen Verbände delegiert werden. Dies wäre die Aufgabe der Diakonie als eine insgesamt von ihrem begründenden Auftrag her gemeinsam handelnde Organisation.
Der Ausgangspunkt: Die Krise
Ganz gleich, wie man nun sich den gesellschaftlichen Trends für die Zukunft im Einzelnen annähert: ein Ausgangspunkt ist für alle diesbezüglichen Überlegungen ist der Ausgangspunkt bei der Weltwirtschaftskrise der letzten Jahre. Dies scheint mir deswegen nötig zu sein, weil die Folgen dieser Krise uns noch lange beschäftigen werden und weil man zudem auch noch eine ganze Zeitlang wird diskutieren müssen, wann diese Krise eigentlich wirklich beendet sein wird. Während zum Beispiel in diesen Monaten in Deutschland die Wirtschaft wieder Tritt fasst, erleben wir die katastrophale Situation Griechenlands und sind skeptisch, was in dieser Hinsicht in Portugal und Spanien noch geschehen wird. Es waren gewaltige Finanzanstrengungen nötig, um wenigstens die Symptome der Krise zu kurieren und die systemisch wichtigen Bereiche aufwendig zu stabilisieren. Deutlich ist von vornherein, dass eine zweite Krise dieses Ausmaßes das gesamte sozialstaatliche und demokratische Gefüge in Deutschland erheblich bedrohen würde. Der Zweifel daran, ob bisher genug getan worden ist, um solche Krisen in Zukunft zu verhindern, ist weit verbreitet. Zur Stabilisierung der systemisch wichtigen Finanzmarktbereiche gab es keine Alternative, aber es bleibt deswegen umso mehr die Frage, wer in Zukunft die Zeche hierfür zahlen muss. Das betrifft natürlich die gestiegene Verschuldung Deutschlands, die durch Hilfeleistungen wie die für Griechenland noch weiter ansteigen kann.
Die Bundesregierung setzt darauf, dass sich die Wirtschaft schnell wieder erholt und dann durch Wachstumsprozesse und steigende Steuereinnahmen unser Land möglichst sanft über das tiefe Tal in 2008/2009 hinweg getragen wird. Aber es ist keinesfalls sicher, dass diese Wette auf die Zukunft, die die Politik bestimmt, auch tatsächlich aufgehen wird. Ja, man kann begründet fragen, ob überhaupt in Zukunft dermaßen hohe Wachstumsprozesse, wie sie für den Ausgleich der Kosten der Krise nötig wären, überhaupt noch denkbar sein werden. Zu den Kosten der Krise für die Rettung der Finanzmärkte kommen auch noch erhöhte Kosten im Sozialbereich hinzu wie z.B. für das sinnvollerweise ausgedehnte Kurzarbeitergeld.
Einen wichtigen Teil des Sozialstaates stellen die Kommunen und auch die Kirchen dar. Diesen Bereichen drohen durch die Wirtschaftskrise aber erhebliche Einbußen an Finanzierungskraft. Nach aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes werden von 2008 bis 2010 die kommunalen Ausgaben für soziale Leistungen um 8,1 Prozent steigen, die Einnahmen hingegen um 3,5 Prozent sinken. Erwartet wird daher für 2010 ein negatives Finanzierungssaldo von 12 Milliarden Euro. Dieses resultiert zum großen Teil aus dem Einbruch der Gewerbesteuereinnahmen als wichtigste originäre Finanzierungsquelle der Kommunen (2008 bis 2010: - 20,8 Prozent). Auch die Kirchensteuereinnahmen werden mit einer gewissen Verschiebung durch ihre Bindung an die Einkommensteuer im Zuge der Wirtschaftskrise mit großer Wahrscheinlichkeit sinken. Die Folge, dass vor allen Dingen zunächst freiwillige Leistungen der Kommunen zurückgefahren werden, aber es dann auch irgendwann ans Eingemachte gehen wird, liegt auf der Hand.
Ein Schrumpfungsszenario
Insofern scheint es aus meiner Sicht deutlich zu sein, dass wir uns in den nächsten Jahren auf Einschränkungen im Bereich der Finanzierung sozialer Dienste werden einstellen müssen. Denn blickt man auf die Bundes-, Länder- oder auch kommunalen Budgets, so wird schnell deutlich, dass sich gravierende Einsparungen nur durch Einschnitte in diesem Bereichen werden erzielen lassen. Dies darf man natürlich nicht leichtfertig so sagen und man muss sich an dieser Stelle ganz im Gegenteil auf harte Auseinandersetzungen einstellen. Keinesfalls geht es darum, jede angekündigte Sparmaßnahme in sozialen Bereich einfach hinzunehmen, aber eine realistische Haltung muss davon ausgehen, dass hier erhebliche Auseinandersetzungen geführt werden müssen. Keine Regierung in den Ländern oder im Bund, egal welcher politischen Couleur, käme angesichts der gegenwärtigen Finanzsituation um entsprechende Maßnahmen herum. D. h. aber es wird eine Absenkung der Ansprüche aus den sozialen Finanzierungskomplexen geben. Erhöhungen in diesen Bereichen sind in Zukunft eher nicht zu erwarten. Allerdings muss diese Aussage differenziert werden, was einzelne soziale Bereiche anbetrifft. Dazu später mehr.
Ein solches Kürzungsszenario im sozialen Bereich wird zudem noch durch das bekannte demografische Szenario in Deutschland unterstützt. Die Situation, dass ein Land mit immer weniger Kindern und immer mehr Älteren zurechtkommen muss, wird mehr oder minder zwangsläufig dazu führen, dass es vermehrt Schrumpfungsprozesse im ökonomischen und in anderen Bereichen gibt. In einzelnen Teilen von Deutschland ist dies ja auch bereits jetzt schon zu spüren. Die Situation insgesamt ist natürlich vielfältig und vor allem regional deutlich unterschiedlich, aber z.B. die Erwartung, dass es irgendeinen Ausweg von der Rente mit 67 geben könnte, ist meiner Meinung nach in keiner Weise zu begründen.
Also: Aus meiner Sicht muss sich diakonisches Handeln mit Blick auf die Zukunft mit einem Schrumpfungsszenario auseinandersetzen. Daran könnte keine Regierung irgendeiner politischen Couleur sehr viel ändern. Die Frage ist nicht eigentlich, ob es zu solchen Schrumpfungsprozessen kommt oder nicht. Die Frage kann auch nicht sein, ob man diese Prozesse irgendwie überbrücken oder aussitzen kann, sondern die Frage muss in Zukunft lauten, wie man diese Prozesse gestaltet, und das bedeutet: ob man in ihnen auch Chancen erkennt und bestimmte Prozesse des Herunterfahrens von Ressourcen und von Handlungsmöglichkeiten möglichst fair und gerecht gestalten kann. Ein Schrumpfungsszenario heißt noch lange nicht, dass es deswegen in einer Gesellschaft ungerechter oder weniger lebensfreundlich zugehen müsste – ganz im Gegenteil. Aber es macht den Ausgleich zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und Interessenlagen, der sich in einem Wachstumsszenario relativ leicht vollziehen lässt, weil dann zusätzliche Mittel zur Disposition stehen, erheblich schwieriger. Was ansteht, ist sozusagen ein gerechtes Schrumpfen oder auch eine Art von Gesundschrumpfen, wie wir das früher einmal – mit einer anderen Bedeutung allerdings – genannt haben. Die Frage ist, ob es gelingt, solch einen Prozess angemessen in den Blick zu nehmen.
Richtungsweisend in dieser Hinsicht sind die gewerkschaftlichen Tarifabschlüsse der letzten Monate, z. B. der IGBCE-Abschluss für den Chemiebereich, aber nun insbesondere auch die Verdi-Abschlüsse, z. B. derjenige für die Stadt Hannover, der eine Arbeitsplatzgarantie für fünf Jahre bei einer Lohnabsenkung von 2 Prozent für alle Beteiligten vorsieht. Wenn schon solch ein Abschluss von Seiten der Gewerkschaft als ein Erfolg gefeiert wird, dann ist deutlich, wohin der Zug der Zeit in Zukunft fahren wird. Auf der anderen Seite ist auch deutlich, dass selbst in einer solchen Krisensituation nicht nur mit Schrumpfungskuren gearbeitet werden kann, sondern auch in bestimmten Bereichen nach wie vor investiert wird, damit sich überhaupt Zukunftschancen auftun. Dies wird sicherlich im Bereich der Bildung, vor allem im Bereich der Kindertagesstätten geschehen.
Subtile Kürzungsprozesse
Wie werden sich nun in Zukunft die Einsparungsprozesse vollziehen? Es ist kaum damit zu rechnen – von Ausnahmen abgesehen –, dass ganz brutal gekürzt wird. Kein Politiker, keine Partei wird sich ein entsprechendes Vorgehen leisten können. Der Weg, Kürzungsprozesse zu vollziehen, ist ein sehr viel subtilerer, ein schleichenderer, aber auch ambivalenterer. Oft ist es ja so, dass Kürzungen von staatlicherseits zur Verfügung gestellten Ressourcen dadurch erreicht werden sollen, dass sie mit attraktiven Werthaltungen wie mehr Freiheit und mehr Selbstständigkeit gekoppelt werden. Gemeint ist damit, dass Formen gefunden werden, die die Legitimation für Kürzungsentscheidungen von den jeweils größeren Einheiten in die jeweils kleineren Einheiten umverteilen. Nicht mehr die Parlamente, Bund oder Land, entscheiden letztlich im Einzelnen, wie sich Kürzungen vollziehen, sondern man versucht, durch pauschale Regelungen diese Kürzungen in die jeweils kleineren Einheiten - bis hin zu den einzelnen Betroffenen - zu verlagern.
Das bedeutet zum Beispiel die weitere Ausweitung des Budgetsystems, was wir ja alle längst kennen. Budgets, Fallpauschalen, oder wie diese Systeme auch immer genannt werden, gibt es ja mittlerweile in vielen Bereichen in den sozialen Diensten, sei es das persönliche Budget in der Eingliederungshilfe oder die DRGs im Krankenhausbereich. Stets geht es darum, dass eine indirekte Steuerung der vorzusehenden Kürzungsmaßnahmen durch Delegation auf eine untere Einheit erreicht werden soll. Damit verbunden ist die offensichtlich interessante Möglichkeit, sich selbständiger zu verhalten und eigene Freiheiten besser leben und nutzen zu können, und insofern das Gefühl zu haben, man könnte sehr viel mehr entscheiden als vorher. Das kann im Einzelnen zu einem gehobenen unternehmerischen Bewusstsein und damit zu mehr Motivation und mehr Spaß an der Sache führen. Es kann aber in anderer Hinsicht auch, wenn man es genau betrachtet, zu depressiveren Tendenzen führen: wenn die Budgets soweit runtergefahren werden, dass es faktisch eigentlich nur noch um die Aufrechterhaltung einer Legitimationsfassade geht. Bei so manchen sozialraumbezogenen Budgets in der Jugendhilfe scheint mir das bisweilen schon der Fall zu sein.
Dies alles geht mit höheren Anforderungen an ein schnelles Entscheiden und ein organisatorisch effizientes Handeln, d. h. an eine unternehmerische Organisation einher. Diejenigen, die sich gut organisieren, die schnell entscheiden können, die über ein großes Maß an Kreativität und Engagement verfügen, können auch unter solchen Bedingungen ihr Aktivitäten sichern und dann auch überleben, ja sogar in der sich verstärkenden Konkurrenz noch zulegen und durchaus gewinnen. Notwendig ist hierfür die Schaffung größerer Einheiten, wie wir das z.B. im Krankenhausbereich in Niedersachsen erleben, aber dies gilt auch für andere Bereiche. Konflikte werden so. wie gesagt, „nach unten“ durchgereicht, können allerdings vielleicht auch tatsächlich dort besser aufgefangen werden. Dies kann auch tatsächlich dazu führen, dass sich viele, die „unten“ tätig sind, besser einbezogen fühlen in die Entscheidungsprozesse.
Man kann dies als Stärkung der Subsidiarität bezeichnen, man kann aber auch fragen, ob das nicht eigentlich eine etwas seltsame Deutung von Subsidiarität ist. Herkömmlich sind subsidiär die unteren Einheiten ja nicht als diejenigen gedacht, die sozusagen die Rolle des letzten Aufgebots tragen, wenn es um Kürzungsmaßnahmen geht, sondern die unteren Bereiche werden als diejenigen gedacht, auf denen alles andere aufbaut. In dieser Richtung verkehrt sich aber der Blick: Die unteren Einheiten sind nicht die, auf denen sich das ganze gesellschaftliche Gefüge aufbaut, sondern sind diejenigen, die letztendlich das ganze gesellschaftliche Gefüge retten sollen, wenn nichts anderes in den übergeordneten Einheiten mehr geht.
Ein weiterer Trend ist die Zunahme von Konkurrenz. Private Anbieter treten überall auf. Im Krankenhausbereich und im Altenpflegebereich ist das längst der Fall, aber mittlerweile erleben wir dies auch im Kindergartenbereich. Konkurrenz und Sozialmärkte sind nicht als solche zu verurteilen. Aber wie jeder Markt kann auch dieser Markt nur dann gut funktionieren und positive Effekte erzeugen, wenn er klaren Rahmenbedingungen, was z. B. die Schaffung von Mindestlöhnen, aber auch von vernünftigen Qualitätsstandards anbetrifft, unterliegt. Deutlich ist in dieser Situation auch, dass die herkömmlichen Verbandsstrukturen im Wohlfahrtsbereich unter Druck geraten. Zwischen den staatlichen Einrichtungen und denjenigen, die die Budgets zugeteilt bekommen, passt eigentlich keine Verbandsstruktur mehr dazwischen und sie gerät deswegen immer weiter aus dem Blick. Sie kann sich noch im Lobbyismus und in dem aktiven Engagement für die Schwächeren einsetzen, tut dies dann aber je länger desto mehr, ohne wirklich selbst noch ein deutliches Gewicht im Sozialbereich vorhalten zu können. Die Verbände können so zu einem Papiertiger werden und werden dann auch entsprechend von der Politik eingeschätzt.
Wertschöpfungsprozesse in den sozialen Diensten
Bei all dem und in all diesen Veränderungen ist es nun aber auch so, dass die sozialen Dienste, insbesondere der gesamte Gesundheits- und Pflegebereich, auch eine hochinteressante Wachstumsbranche darstellen, die sich gerade unter Bedingungen der Globalisierung zudem als eine zeigt, die standorttreu und personalintensiv ist, eingebettet in lokale Bereiche, sozialräumliche Bezüge aufweist, in dieser Hinsicht die Zivilgesellschaft stärken und ehrenamtliche Potenziale mobilisieren kann. Der Beitrag der sozialen Dienste zum Wohlergehen der Menschen in unserem Land ist gewaltig und wird es bleiben. Es gibt deswegen keinen Grund sich im Bereich der sozialen Dienste irgendwie defensiv zu verhalten. Im Blick auf die Zukunft ist dies eine wichtige Branche, die sich in keiner Weise vor anderen wirtschaftlichen Bereichen verstecken muss. Sie trägt zur allgemeinen Wertschöpfung eines Landes sehr viel bei. Die Frage ist nur, wie sichtbar, und d.h. wie allgemein anerkannt, diese fürsorglichen Praxisfelder sind.
Diese Frage stellt sich deswegen, weil das angemessene Selbstbewusstsein, selbst ein Wertschöpfungsfaktor ersten Ranges zu sein, im Bereich der sozialen Dienste erstaunlicherweise häufig fehlt. Wird irgendwo eine neue Automobilfabrik angesiedelt, dann wird man in dem entsprechenden Landkreis jubeln und sich auf künftige Steuereinnahmen freuen. Wird aber irgendwo eine neue Behinderteneinrichtung oder gar eine Altenpflegeeinrichtung geschaffen, so ist der Jubel sehr viel geringer, wenn er such denn überhaupt einstellt, weil man so eine Einrichtung im Wesentlichen lediglich als Kostenfaktor aber nicht als wertschöpfendes Unternehmen wahrnimmt. Diese Sicht ist aber überholt und schon aus nüchternen wirtschaftlichen Überlegungen eigentlich völlig verquer. Auch die sozialen Dienste haben teil an der Wertschöpfungskette und die Pflege eines betroffenen Menschen oder die Aktivierung eines SGB-II-Klienten stellen genauso Wertschöpfungsakte dar wie der Bau eines Autos bei Volkswagen. Es ist eine verdrehte Sicht der Dinge, dass dies häufig nicht so gesehen wird, wie ja auch nach wie vor seltsamerweise die Einstellung grassiert, dass Pflege eigentlich gar keine richtige Arbeit sei und von jedem absolviert werden könnte.
Dies hat allerdings auch damit zu tun, dass insbesondere in der Pflege so etwas wie der eigene Produktstolz – der Begriff ist natürlich unzureichend - unterentwickelt ist. Auch das resultiert wahrscheinlich aus gesellschaftlichen Zuschreibungen, die dann auch verinnerlicht werden. Wer irgendwo sachliche Güter schafft, ein Auto produziert oder ähnliches, der kann einen gewissen Stolz auf diese Produkte entwickeln, selbst wenn er, was seinen eigenen Anteil anbetrifft, an der Produktion eigentlich mit kaum mehr als ein paar Handgriffen beteiligt war. In der Pflege wird dies aber so selten genug gesehen. Diese Schwierigkeit, so etwas wie „Produktstolz“ auszubilden, führt auch zu zusätzlichen Nachwuchsproblemen und zu einer möglicherweise mangelhaften Identifikation mit dem Beruf was sich in relativ geringen Aufenthaltszeiten im Pflegebereich ausdrückt. Die Anstrengung, die die Pflege natürlich körperlich, und vor allen Dingen auch psychisch bedeutet, kann so nicht durch Stolz auf die eigene Arbeit kompensiert und vor sich selbst und vor anderen „performed“ werden.
Zu diesem Syndrom gehört auch hinzu, dass es nach wie vor Pflegekräfte gibt, die unter ihrer pflegerischen Arbeit nur die tatsächlichen körperlichen – letztlich irgendwie „technischen“ - Verrichtungen, aber z.B. nicht das Gespräch mit dem zu Pflegenden verstehen. Natürlich ist dies auch durch die äußeren Bedingungen der Nichtabrechenbarfähigkeit der Gespräche bedingt – arbeitet dieser Praxis aber auch zu. Hier kann sich durch die Neudefinition des Pflegeverständnisses in Zukunft hoffentlich einiges ändern. An dieser Stelle müsste auch ein christliches Pflegeverständnis artikuliert werden und deutlich machen, dass Pflege Beziehungsarbeit ist, die auf eine ganzheitliche Beziehung und so insbesondere auch auf das Gespräch zwischen Pflegeperson und zu Pflegendem aufruht und dies deswegen nicht vernachlässigen kann.
Von der Fürsorge zur Teilhabeförderung
Blickt man nun weiter auf die auf die sozialen Dienste langfristig wirkenden gesellschaftlichen Trends im Blick, so muss ein mittlerweile breit diskutierter Paradigmenwechsel in den Vordergrund gerückt werden, nämlich die Veränderung von der Fürsorge zur Teilhabeförderung - wenn man es so ausdrücken möchte. In allen sozialen Bereichen wird mal mehr, mal weniger ein neues Leitparadigma diskutiert, das den jeweils einzelnen Klienten als Kunden in den Blick nimmt, den es weniger fürsorglich zu betreuen oder gar zu versorgen, sondern stets zur Selbstverantwortung zu aktivieren gilt. In der Deutlichkeit, in der dieses Paradigma heute immer stärker durchgesetzt wird, war es in früheren Gesetzgebungen nicht zu finden. Zwar hat man immer in Deutschland darauf Wert gelegt, dass Menschen dazu angehalten werden, wieder für sich selbst zu sorgen und aus der jeweiligen Betreuungssituation herauszukommen, aber insbesondere im Fall von Arbeitslosigkeit ist diese Nötigung nicht wirklich konsequent durchgesetzt und auch nicht allzu ernst genommen worden.
it den neueren Gesetzgebungen, insbesondere mit dem SGB II, hat sich aber in dieser Hinsicht Entscheidendes verändert.
Der entscheidende Wendepunkt durch das SGB II gegenüber der früheren Sozial- und Arbeitslosenhilfe besteht darin, dass die Grundsicherung, der Regelsatz im SGB II, nicht mehr oder minder bedingungslos als Schutz der Würde der Menschen respektiert undentsprechend gewährt wird, sondern demgegenüber die Aktivierung deutlich den Primat gewonnen hat. Faktisch heißt das, dass die Grundsicherung im Interesse der Aktivierung mediatisiert wird. Das bedeutet, wie ja bekannt ist, dass im SGB II bei nicht schnell genug erfolgender Aktivierung oder bei Schwierigkeiten, die eigene Selbstverantwortung genügend akzentuieren zu können, Kürzungen der Grundsicherung im äußersten Fall bis zu 100 Prozent möglich sind. Dies geschieht auch durchaus nicht selten. Der 100-Prozent-Wegfall kumuliert sich allerdings vor allen Dingen bei jüngeren Menschen unter 25. Hier waren in 2008 fast 100.000 Menschen von diesem Wegfall betroffen.
Deutlich ist, dass die Aktivierung bzw. die Befähigung, mit dem Ziel wieder teilhaben und für sich selbst sorgen zu können, auch aus christlich ethischen Gründen ein positives Ziel darstellt und gegenüber einer reinen Passivierung auf jeden Fall den Vorrang hat. Fraglich ist aber an dieser Stelle – und das bezeichnet ein Grundproblem des sozialethischen Paradigmenwechsels - ob wirklich die Grundsicherung, der der Schutz der Würde der Menschen im Sinne Art. 1 (1) GG zukommt, in dieser Hinsicht für andere Zwecke genutzt werden darf. In einem übertragenen Sinne kann dieser Gedanke auch auf andere soziale Bereiche angewendet werden. Wenn damit aber ethische Grenzen einer aktivierenden, teilhabefördernden Politik bezeichnet sind, dann kommt man nicht darum herum, dem alten Fürsorgedenken an einigen Stellen doch wieder eine gewisse Berechtigung zukommen zu lassen. Es gibt große Gruppen in der Gesellschaft, die in dem Sinne des SGB II wahrscheinlich nicht aktivierbar sind und die ihre Probleme gerade deswegen haben, weil sie die im SGB II geforderte Selbstverantwortung so nicht realisieren können.
Faktisch bedeutet ja die Forderung nach Selbstverantwortung, die notfalls mit Sanktionen untermauert werden kann, dass jeder und eben gerade jeder von Armut Betroffene oder Bedrohte oder in eine sonst schwierige Lage Geratene sich selbst – seine eigenen Verhaltensweisen - von vornherein als Risiko wahrnehmen und sich selbst entsprechend kontrollieren muss. Sich selbst in dieser Hinsicht als Risiko wahrzunehmen bedeutet aber, über ein hohes Selbstreflexionspotenzial zu verfügen, was herkömmlich mit entsprechendem Bildungskapital assoziiert wird. Man kann diese Fähigkeit längst nicht von allen Menschen erwarten. Die Klientel wird sich dementsprechend auseinanderentwickeln zwischen denjenigen, die nach wie vor auf Fürsorge und Unterstützung angewiesen sind, und anderen, denen es tatsächlich gelingt, ihre Selbstverantwortung so weit hochzufahren, dass sie aus der Armutsbedrohung herauskommen können.
Für die Zukunft zeichnet sich folglich ab, dass die attraktivste soziale Dienstleistung darin bestehen wird, Fürsorge und Teilhabeförderung in einer klugen und überzeugenden Weise zu koppeln. Dort, wo Fürsorge so gewährt wird, dass sie die vorhandenen selbstverantwortlichen Strukturen und entsprechenden Ressourcen unterstützt und fördert, wird sie gerne angenommen werden. Wo sie übergriffig ist und im alten patriarchalischen und matriarchalischen Stil meint, bevormunden zu müssen, wird sie Irritationen erzeugen. Aber auch, wo die Einzelnen mit ihrer Selbstverantwortung alleingelassen werden, werden Einbrüche zu verbuchen sein. Was es braucht in den sozialen Diensten ist ein umsichtiges, den Klienten unterstützendes, förderndes und seine Autonomie respektierendes Handeln. Im Grunde genommen ist dies ja nichts anders als eben: Dienst.
Hoffnung bürgerschaftliches Engagement
Es bleibt insgesamt die Frage, wie sich unter diesen sich ständig ändernden Strukturen des Sozialstaates bzw. der Gesellschaft umfassende Solidarität regenerieren und neu konstituieren lässt. Viel wird in dieser Hinsicht von einem forcierten Aufbau der Zivilgesellschaft, von zivilgesellschaftlichen Initiativen, von aktiver Bürgerschaft und aktivem Ehrenamt erwartet. Sicherlich führt auch kein Weg an verstärkten Aktivitäten in dieser Richtung vorbei. Der Staat wird all die Aufgaben, die in Zukunft anfallen werden, immer weniger allein bzw. per Honorierung schultern können. Und es macht auch viel Sinn, dass spezifische den Menschen nahe soziale Aufgaben, möglichst vor Ort in Selbstorganisation der Bürger gelöst werden können. Sie sind Experten in eigener Sache.
Die Frage ist nur, ob die Hoffnungen auf die Lösungskraft des bürgerschaftlichen Engagements wirklich realistisch sind. Auch bürgergesellschaftliche Aktivitäten brauchen oft professionelle Unterstützung, und zwar gerade dann, wenn diese Aktivitäten nicht nur für relativ besser gestellte bzw. gebildete Bürger untereinander, sondern für die jeweils Schwächeren aufgezogen werden sollen. Denn für sich genommen ist das Projekt der Zivilgesellschaft sicherlich ein Mittelschichtsprojekt und es fragt sich, was davon effektiv z.B. zur Armutsbekämpfung abfallen kann. Diejenigen Gegenden in Deutschland mit der größten Armutskonzentration – der Kreis Uecker-Randow z.B. – sind auch diejenigen mit dem geringsten bürgerschaftlichen Engagement. Die Ideale der Bürgergesellschaft zielen auf herrschaftsfreien Diskurs, auf vernünftige Argumentation und damit auf freie Selbstorganisation. Genau diese Ideale sind für andere gesellschaftliche Milieus als die der Mittelschicht weniger attraktiv. Ein gutes Leben wird hier durchaus mit anderen Qualitäten assoziiert. Erinnerungen an alte Formen der Arbeiterkultur mit ihren auf Geben und Nehmen beruhenden Formen von verpflichtender – und nicht sonderlich sensibler – Solidarität werden wach.
Pflege
Ein weiterer Bereich ist die Pflege. Hier gibt es, wie ja bekannt ist, durchaus positive Entwicklungen, was die Ausweitung des Pflegebegriffs anbetrifft. Was die Diakonie in Zukunft aus meiner Sicht wieder weit mehr bestimmen wird, ist die Kopplung zwischen Altersarmut und der Pflegeproblematik in diesem Bereich. Die Rentenprognosen, die in letzter Zeit ja immer konsistenter werden, prognostizieren zunächst für den Osten, aber dann auch für den Westen Renten, die auf Armutsniveau liegen werden. Für die Männer der Jahrgänge 1967 bis 1971 wurden vom DIW z. B. für den Osten Renten von 600 Euro, bei Frauen von unter 500 Euro prognostiziert. Die Gründe hierfür in den inkonsistenten Berufsbiografien, insbesondere natürlich in den neuen Bundesländern, liegen auf der Hand. An dieser Stelle muss man aber sehen, dass mit Armut erhebliche Gesundheitsrisiken einhergehen, die von den Betreffenden auch durch noch so viele Ermahnungen in Richtung Selbstverantwortung kaum aufgefangen werden können. Was hier auf die Gesellschaft zukommt und was auch die Diakonie betreffen wird, ist eine Herausforderung, die einmal ganz am Beginn der Diakonie im 19. Jahrhundert gestanden hat, nämlich die Pflege von von Armut Betroffenen. Dies wird ein erhebliches Thema in Zukunft bilden. Es ist wichtig, dass sich Diakonie und Kirche an dieser Stelle rechtzeitig organisieren und engagieren, um gefährliche Entwicklungen auffangen zu können.
Zwischenfazit: Trend und Paradigmenwechsel
Zusammengefasst können als Folgen gesellschaftlicher Paradigmenwechsel und neuer Trends in etwa festgehalten werden:
- In Zukunft wird Erfolg haben, wer immer deutlicher individualisierte und personenbezogenere Dienstleistungen im sozialen Bereich anbietet.
- Alle Bereiche der sozialen Dienste werden mit einem immer weiter zunehmenden Wettbewerb und damit mit der Anforderung nach sehr viel stärkerer Flexibilität in den eigenen Unternehmensstrukturen konfrontiert sein.
- Konsolidierungsstrategien und der Trend zur Herausbildung größerer Träger in den sozialen Diensten werden die Unternehmenslandschaft prägen.
- Der Wettbewerb wird über Deutschland hinausgetragen und durch europaweite Ausschreibungen weiter verschärft werden. Die Herausbildung europaweit operierender diakonischer Unternehmungen ist nicht mehr absurd.
- Es ist damit zu rechnen, dass sich die Armutsentwicklung weiter fortsetzt und größere Gruppen der Bevölkerung in eine Situation geraten, in der sie selbst immer weniger in der Lage sind, sich aus Armut durch Aktivierung ihrer Selbstwirkungskräfte zu befreien.
- Diese Armutsentwicklung hat auch etwas mit zunehmenden Gesundheitsproblemen und psychischen Leiden zu tun. Das Thema Pflege und Armut wird wichtiger werden.
- All diese Tendenzen werden überlagert von der demografischen Entwicklung, die auf der einen Seite zu einer Stärkung zivilgesellschaftlicher Chancen im Bereich der älteren Menschen, aber auf der anderen Seite auch zu erheblichen Problemen im Arbeitskräftezufluss führt. Der Fachkräftemangel wird - trotz weiter bestehender Arbeitslosigkeit –zum Dauerthema werden.
Demografische Entwicklung: ein Phänomen mit vielen Aspekten
Die demografische Entwicklung in Deutschland hat zumindest zwei – eigentlich recht banale - Seiten. Die eine Seite besteht in der Tatsache, dass es immer weniger Kinder gibt, und die andere liegt darin, dass es immer mehr ältere Menschen gibt. In beiderlei Hinsichten liegen für die Gesellschaft insgesamt große Probleme, aber betrachtet man es nüchtern, lassen sich für Kirche und Diakonie auch erhebliche Chancen ausmachen, von ihrer gegenwärtigen Marktmacht und ihrer gesellschaftlichen Zurechnung von Kompetenz aus einiges in Gang zu setzen und dadurch an durchaus an sozialer Gestaltungsmacht auch unter schwierigen Bedingungen noch hinzu zu gewinnen.
Kinder
Dies betrifft zunächst das große Feld der Kinderbetreuung. In diesem Bereich sind die Kirchen und ihre sozialen Dienste herkömmlich von gar nicht überschätzender Bedeutung und ihnen wird auch – das kann man aus allen Umfragen ablesen – gerade im Bereich Kinder, Jugendliche und Familien besonders große Kompetenzen zugewiesen. Die Hoffnung ist, dass diese Kompetenzzurechnungen nicht durch das, was im Augenblick in der katholischen Kirche – auch im kleineren Umfang in der evangelischen - geschieht, nachhaltig geschädigt werden. Ansonsten ist es aber so, dass der Bereich der Kindererziehung, der Bildung und all das, was mit Familien zu tun hat, in der Regel von einer Mehrheit der Bevölkerung (im Westen, aber auch z.T. im Osten) ohne große Probleme den Kirchen überantwortet werden kann. Wenn man den Kirchen überhaupt Kompetenzen außerhalb des nicht so attraktiven eigentlich religiösen Feldes zutraut, dann eben in diesem Bereich.
Insofern besteht eine große Chance, dass das Kindergarten- und vor allem Krippenausbauprogramm, wenn es von den Kirchen entschlossen mit aufgegriffen wird, zur Stärkung der kirchlichen Kompetenz in diesem Bereich führen kann. Bekanntlich fehlen nach wie vor 320.000 Krippenplätze, vor allen Dingen in Westdeutschland. Hier wird es nach aller Wahrscheinlichkeit auch dabei bleiben, dass dieser gewaltige Krippenausbau vorangetrieben wird – auch wenn es sein kann, dass sich die Sache aufgrund der Finanzierungsprobleme verlangsamt. Es wird deswegen dabei bleiben, weil die gesamte derzeitige Situation darauf zielt, qualifizierte Frauen wesentlich besser als bisher in den Arbeitsprozess eingliedern zu müssen. Zu dieser Anforderung gibt es keine wirkliche Alternative. Der früher in Deutschland gegangene Weg, sich vor zunehmender Frauenbeschäftigung dadurch zu drücken, dass man mehr Migration förderte, kann im Augenblick offensichtlich nicht weiter gegangen werden. Insofern muss aber in diesem Bereich die Kinderbetreuung entschlossen ausgebaut werden, denn nur so lassen sich die Arbeitskräftelücken aufgrund der demografischen Entwicklung auch nur annähernd schließen. Dies geht ja so weit, dass im SGB-II-Bereich Tagesmütter ausgebildet werden sollen, die sich dann auch der Kinder der Betroffenen mit annehmen. Hier liegen große Potentiale im Bereich der Alleinerziehenden – und damit verbunden existieren auch gute Möglichkeiten der Armutsbekämpfung insbesondere von Kindern.
Diakonie und Kirche haben hier folglich große Chancen gegen den Trend zu wachsen, indem sie entschlossen diesen Trend mitgestalten, d.h. neue eigene Krippen aufbauen und ihre KiTa Landschaft demografiegerecht umgestalten. Hier stellen sich natürlich Fragen nach einer angemessenen Bezahlung, nach Mindestlohn und Qualitätsstandards. Sie stellen sich deswegen, weil auch in diesem Bereich die private Konkurrenz immer weiter in den Markt eindringt, und zwar gerade in den Bereichen, wo es um besserverdienende Familie geht. Wenn der Eindruck nicht täuscht, haben Kirche und Diakonie hier bisher auch noch gewisse Wettbewerbsnachteile, was die Attraktivität von Kindergärten, und zwar insbesondere im Blick auf Öffnungszeiten und flexible Angebote, betrifft. Viele Bestrebungen gibt es aber auch, hier aufzuschließen.
Entscheidend ist auch in diesem Bereich, dass Wege gefunden werden, zu größeren unternehmerisch kompetenten Trägerverbänden von Kindergärten zu kommen. Es wird kein Weg daran vorbeiführen, die Kirchengemeinden vor allen Dingen von ihren Verwaltungsaufgaben für ihre eigenen Kindergärten zu entlasten und die Kindergärten mittelfristig in größere Verbände zu integrieren, die dann flexibel in bestimmten Märkten operieren und sich in einem bestimmten Umfeld entsprechend aufstellen können. Dieser Weg, auch den Kindergartenbereich unternehmerisch zu organisieren, steht vordergründig durchaus im Widerspruch zu bestimmten sozialräumlichen Konzepten, in denen eine stärkere Zusammenarbeit und Integration von diakonischen Einrichtungen, Kindergärten und Kirchengemeinden und anderen außerkirchlichen Akteuren angestrebt wird. Man muss sehen, wie sich das im Einzelnen vertragen wird. Prinzipiell ist es natürlich aber auch möglich, dass auch unternehmerisch handelnde größere Einrichtungen vor Ort sich um eine Einbettung in das Umfeld bemühen und auf diese Weise gut mit anderen kommunizieren. Dies ist ja auch in ihrem eigenen Interesse, um in diesem Bereich vor Ort attraktiv zu sein und möglichst große Belegungszahlen zu erreichen.
Ältere
Die zweite Blickrichtung geht auf die Älteren. Schon seit Längerem wird die Frage heftig diskutiert, wie sich das gewaltig gewachsene Potenzial und die Ressourcen der Älteren für die Bewältigung der demografischen Krise, zur Stärkung der Zivilgesellschaft und für den Sozialbereich insgesamt besser nutzen lassen. Diese Diskussion hat durchaus problematische Züge, da in dieser Diskussion relativ wenig die Alten selbst gefragt werden, was sie denn eigentlich im Alter gerne machen möchten und man sie in vielerlei Hinsicht auch noch verdächtigt, sozusagen nach dem Eintritt in den Ruhestand nur noch faul abschlaffen zu wollen. Die Gefahr, dass eine neue Fremdbestimmung des Alters einsetzt und die Älteren lediglich sozusagen als die letzte Reserve des Sozialsaates vor seinem Kollaps mobilisiert werden, ist nicht von der Hand zu weisen.
Auf der anderen Seite aber kommen diese Diskussionen und neuen Zuweisungen der eigentlichen Lebenssituation der neuen Älteren, der fitten Älteren, den Menschen im 3.Lebensalter, oder wie immer Sie sie nennen wollen, auch durchaus entgegen. Noch nie hat es eine Generation gegeben, die so gut ausgebildet, so wohlhabend und auch gesundheitlich so gut gestellt war wie die, die wir im Augenblick erleben. Man kann an dieser Stelle durchaus von einer Revolution des Alters sprechen, wenn man zum Beispiel darauf blickt, wer heute noch als alt angesehen wird. Die biologische Sicht und die soziale und kulturelle Sicht auf das Alter haben sich vollkommen auseinanderentwickelt. Es gibt heute 75-Jährige, die man vom herkömmlichen Bild nicht als alt einstufen würde, und umgekehrt auch manchen 50-Jährigen, insbesondere solche, die länger in Armut leben, die man dann schon als sehr viel älter einstuft. Die Konnotation „alt“ hat etwas mit Abhängigkeit und Angewiesenheit, letztendlich mit der Situation, ein Pflegefall zu werden, zu tun. Aber sie hat immer weniger mit dem biologischen Alter zu tun. Damit stellt sich sogar die Frage, ob nicht das Alter als solches in der Gesellschaft einer starken Dethematisierung unterliegt und sich sozusagen zwischen Kindheit und Jugend und dem späten Alter, der Zeit kurz vor dem Tode, ein ganz langer Lebenszyklus herausgebildet hat, in dem Menschen aktiv und tätig sein können und wahrscheinlich auch sein sollen, in dem sie sich aber von der Leistungsfähigkeit und von den gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten kaum großartig von Jüngeren unterscheiden.
Weiterhin ist auch zu erkennen, dass das Alter sich erheblich ausdifferenziert. Es wird in Zukunft Ältere geben, die sich einer späten Freiheit im Alter erfreuen möchten, andere auch, die unter ihresgleichen in älter werdenden Dörfern leben wollen, weil sie sich dort gegenseitig am besten unterstützen und verstehen können. Aber dann wiederum auch andere, für die vor allen Dingen der Bremer Ex -Bürgermeister Henning Scherf steht, die in generationsübergreifenden Zusammenhängen eingebunden sein möchten und keinesfalls nur unter Älteren leben wollen.
Insgesamt besteht die Herausforderung für Kirche und Diakonie an dieser Stelle darin, die neue Alterssituation nicht mehr von Defizitzuschreibungen, und sei es noch so gutgemeinten her zu denken. Diese neuen Älteren definieren sich nicht mehr von der Notwendigkeit, Schutz und Fürsorge zu erhalten, sie verstehen sich auch nicht mehr davon, dass sie seelsorgerliche Unterstützung wegen der im Alter immer größeren Nähe des Todes bräuchten. Ihr Lebensverständnis ist durch das bestimmt, was sie tun wollen und anstreben können, von der Möglichkeit, auch im Alter noch einmal etwas Neues beginnen zu können. Die gesamte Diskussion ist sehr gut in der Denkschrift des Rates der EKD zum Alter „Neu werden können im Alter“ herausgearbeitet worden. Sie wird im nächsten Altenbericht der Bundesregierung weiter durchdiskutiert werden.
Die Inklusionsdebatte in der Eingliederungshilfe
Auch im Bereich einer weiteren wichtigen diakonischen Aktivität, der Eingliederungshilfe, ist die demografische Entwicklung immer deutlicher erfahrbar. Bei all den vielfältigen Entwicklungen, die hier sich um die zunehmende Inklusion der Betreffenden in städtische oder ländliche Sozialräume drehen, bei allen Diskussionen, in denen es um die Konversion der großen Einrichtungen, das persönliche Budget, um individuelle Teilhabeplanung und vieles mehr geht, ist von vornherein deutlich, dass durch die Tatsache des Alterns der Betroffenen neue Situationen entstehen. Diese schöne Entwicklung, dass auch Behinderte weit über ihren Ruhestand hinaus leben können, wird dazu führen, dass hier mehr Menschen mit Hilfebedarf vorhanden sind und auch die Behandlung chronischer Krankheiten in diesem Zusammenhang, wie auch sonst in der Bevölkerung, zunehmen wird.
Bis jetzt stehen durchaus beträchtliche Mittel zur Verfügung, um die Konversion der großen Anstalten zu erreichen, die barrierefreie Gesellschaft zu fördern und in dieser Hinsicht die Inklusion voranzutreiben. Inklusion ist für alle Beteiligten sicherlich der beste Weg – setzt aber erhebliches Umdenken und auch beträchtliche Investitionen voraus. Insgesamt stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob eine Auflösung der großen Anstalten und die Inklusion in kleinere Zusammenhänge wirklich auf die Dauer als ein Sparkonzept gestaltet werden kann oder ob nicht vielmehr die neuen Entwicklungen letztendlich doch höhere finanzielle Ressourcen erfordern. Die Erfahrungen aus Schweden scheinen ja zu belegen, dass es keinesfalls billiger wird, eine wirkliche Inklusion zu erreichen, rechnet man alle Kosten, die in diesem Zusammenhang entstehen, zusammen und betrachtet nicht nur das, was durch die Auflösung der großen Einheiten wegzufallen scheint.
Nach wie vor ist der Trend in Deutschland ungebrochen: es soll der Weg der inkludierenden Teilhabeförderung weiter gegangen werden. Auch die Bundesregierung hat dies in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten. Ein Menetekel ist allerdings die Kündigung des Landesrahmenvertrages in Schleswig-Holstein. Dort hat der Städte- und Gemeindetag gefordert, dass ein Sechstel der bisher im Jahr zur Verfügung gestellten 600 Mio. Euro für den Eingliederungsbereich wegfallen sollen. Wenn dies insgesamt beispielhaft für Deutschland sein wird, dann kann eine aktive Inklusion fördernde und Teilhabe fördernde Betreuung im Eingliederungsbereich auf keinen Fall mehr gewährleistet werden und man wird sich mit reiner Unterbringung begnügen müssen. Bisher ist diese Drohung so nur in Schleswig-Holstein ausgesprochen. Man kann nur hoffen, dass dies woanders nicht so nachvollzogen wird. Aber deutlich ist gerade im Eingliederungsbereich auch, dass ein wirklich inklusives Konzept nur mit verstärktem bürgerschaftlichem Engagement zu realisieren ist. Dies allerdings muss auch organisiert werden.
Fazit
Das Bild, das ich versucht habe zu zeichnen, ist im Großen und Ganzen in den Umrissen erkennbar, aber es ist auch vielspältig. Wir werden in den sozialen Diensten in Zukunft in keiner Weise in einem Aufschwung an Ressourcen leben, obwohl sie als solche in der Gesellschaft an Bedeutung gewinnen werden. Die Märkte in diesem Bereich werden durchaus wachsen, aber sie werden sich aufspalten und die Diakonie kann nicht nur für diejenigen da sein, die sich gehobene Dienstleistungen leisten können. Das Problem der Kopplung von Armut und Pflege und Gesundheit kehrt wieder und darf gerade von der Diakonie nicht abgespalten werden. Dies gilt für Fragen der Armutsbekämpfung allgemein. Weiter zunehmende gesellschaftliche Ungleichheit ist mit adversen Effekten nicht nur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sondern ganz konkret für die Lebenssituation einzelner Menschen verbunden.
Kirche und Diakonie können sich nicht aus den gesellschaftlichen Trends hinausbewegen und meinen, sie könnten irgendwo Inseln ihres reinen Selbstverständnisses kultivieren. Das können vielleicht und begrenzt kleine christliche Initiativen, die hierin auch ihren Wert haben und Innovationen anstoßen können. Die große Diakonie aber wird sich immer den Trends ausgesetzt fühlen und muss stets versuchen, ihre Identität in der Gestaltung – der Modulation – von Trends zu bewähren. Maßstäbe einer christlichen Sozialethik der kooperativen und fürsorglichen Gesellschaft bleiben dabei leitend. Und vor allem: leitend bleibt die Gewissheit, dass alles kirchliche und diakonische Tun – in aller faktischen Vieldeutigkeit und Fehlerhaftigkeit – über sich hinaus weist auf den, der es heraus ruft.
(Abgeschlossen im Mai 2010)